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Industrie trifft Bilder - PNN Beitrag




Fach zwei, eine Tüte Gummibärchen. Die Angaben auf dem winzigen Display, das vom Rand der Brille vors Auge ragt, sind präzise. Ist die gesuchte Tüte entnommen, kann der Barcode gescannt werden, auf dem Bildschirm erscheint ein grüner Haken – und der nächste Auftrag. Die Bonbontüten sind nur ein Beispiel, in den Kisten könnten auch Schrauben oder Autoteile liegen. „Mit diesem System kann ein ungelernter Arbeiter nach einer ganz kurzen Einweisung kompetent im Lager arbeiten“, erklärt Jörg Jonas-Kops, Gründer und Chef von Nxtbase technologies. Er hat vor wenigen Monaten Haribo gegen Katjes getauscht, zumindest in der Demoversion seiner Anwendung. Denn seine Firma ist aus dem Rheinland nach Potsdam gezogen. Das 2013 gegründete Start-up beschäftigt derzeit fünf Mitarbeiter und hat seinen Sitz seit vier Wochen im Guido Seeber Haus in Babelsberg.

Für Albrecht Gerber (SPD), Brandenburgs Wirtschaftsminister, der am gestrigen Mittwoch zwei junge Unternehmen in Potsdam besuchte, sticht Nxtbase genau in die Lücke, die ein wichtiger Baustein für die wirtschaftliche Entwicklung des Standorts ist. „Die Filmbranche hat hier in Babelsberg Tradition, aber sie ist auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen“, betonte er im Gespräch mit Jörg Jonas-Kops. „Die Überführung der Bildgebung in den industrielle Produktionsprozess, die wir in Deutschland besser beherrschen als viele andere, kann als Nische die internationale Wettbewerbsfähigkeit für Babelsberg sichern“, so der Minister. Als „Media Tech Hub“ solle die Stadt sich im Bereich Virtual Reality und Medientechnologie positionieren.

Für Nxtbase scheint es gut anzulaufen. Eigentlich hatte Jörg Jonas-Kops bei der Gründung angefangen, die Datenbrille Google-Glass zu verkaufen. Der große Erfolg blieb aus. Also schwenkte er um auf die Anwendung von vernetzten Brillen, Datenhandschuhen, -uhren und andere „Wearables“, wie die Technologien heißen. Das Anwendungsspektrum sei breit, so der Gründer. „Wartung ist ein großes Thema“, erklärt er. „Wenn eine Person irgendwo ein Problem mit einer Maschine hat, kann er das einem Techniker über die Brille zeigen und der kann ihm direkt helfen.“ Solche oder ähnliche Anwendungen entwickelt die Firma schon für MAN, Volkswagen und den Hamburger Hafen. Für den Bereich Telemedizin laufe ein Projekt mit der Fachhochschule in Potsdam. Über den Umsatz will er nichts sagen, aber er rechnet mit einer deutlichen Steigerung 2018.


Doch warum die Entscheidung für den Umzug der Firma nach Potsdam? „Ein Freund hat mich überzeugt, er schwärmte von den guten Bedingungen, den niedrigen Mieten“, erzählt Jonas-Kopp. Dazu die Nähe zu SAP, zum Hasso-Plattner-Institut. Jener Freund ist ebenfalls Gründer und der Chef von 45info, der anderen Firma, die Wirtschaftsminister Gerber am gestrigen Mittwoch besuchte. In der Tat kann Ralf von Grafenstein sehr überzeugend für seine Stadt werben. „Potsdam ist in den letzten Jahren wesentlich attraktiver geworden, es ist der perfekte Standort“, so von Grafenstein. Gerade in der Karl-Liebknecht-Straße in Babelsberg gebe es alles, was auch Mitarbeiter in ihrem Umfeld suchten: Restaurants, nette Cafés, Verkehrsanbindung und Radwege. Es sei familienfreundlich und lebendig. 2010 gründete er sein Unternehmen gemeinsam mit zwei anderen. Damals, so berichtet er, seien noch fast alle Mitarbeiter aus Berlin gependelt, inzwischen wohnten die meisten vor Ort oder im Umland


Auch seine Firma hat mit Bildern zu tun. Sie bietet Maklern die Möglichkeit, ihren Kunden recht einfach einen virtuellen Rundgang durch Immobilien anzubieten. Hochaufgelöst, am Computer, auf dem Smartphone oder in der Datenbrille. Um einen Raum zu fotografieren, reicht eine Kamera, die 360 Grad fotografiert. Rund 200 Euro kostet diese laut von Grafenstein. In Deutschland bedient der Immoviewer, wie das System heißt, unter anderem die wichtige Plattform Immobilienscout. Doch der größte Markt seien die USA. 15 Mitarbeiter beschäftigt die Firma in Potsdam, etwa noch mal gleich viele aufgeteilt auf Moskau und Amerika. Auch von Grafenstein sagt nichts zum Umsatz der Firma, aber er zähle 20 000 Makler in 18 Ländern zu seinen Kunden.

Sein größtes Problem derzeit: Die Suche nach geeigneten Entwicklern. Trotz der Nähe zu den Hochschulen sei es extrem schwer, gute und bezahlbare Entwickler zu finden. „Wir hatten einen tollen Masterstudenten von Hasso Plattner, aber den haben wir nach drei Monaten an Google verloren“, erzählt er. Entwickler aus dem Ausland zu holen, sei oft wegen der Arbeitserlaubnis sehr schwierig. Minister Gerber kennt das Problem, er höre das in vielen Firmen. „Der kleine Babyboom gerade wird nichts am Nachwuchsproblem ändern, wir können nicht warten, bis die Babys von heute in die Ausbildung gehen“, so Gerber. Der „Rohstoff zwischen den Ohren“ sei zentral für die Unternehmer, dafür sei bundesweit endlich ein Einwanderungsgesetz nötig. „Die nächste Bundesregierung muss da ran.“